the berghain column – november 2013

Kegel, Schwellen, Müll

Aufmerksamkeit lässt immer nur einen Ausschnitt der einfallenden Sinneseindrücke durch. Der Rest wird gnädigerweise unterdrückt. Aufmerksamkeit ist Urlaub von allem, was gerade nicht interessieren soll. Unerwünschte Wortmeldungen der Banalität. Telefon klingelt. Deadline 14:00. Zahnarzttermin. Paketpost für den Nachbarn. Wo ist mein Artikel? Du wolltest doch Milch kaufen. Angebot gilt bis Mittwoch. Sollzinssatz 13%. Troika Mini Suit and 1027 others invited you to like pages. Der kleine Lichtkegel, der als Fokus der Aufmerksamkeit die Gegend ausleuchtet, ist fragil. Wackelkontakt am Schalter. Wenn man sich die Situation nicht selbst herstellt, ist alle paar Sekunden Alarm. Eine Effizienzregel lautet, genau 2 wichtige Dinge pro Tag zu erledigen. Alles andere: egal oder nicht umsetzbar. Ohne Unterbrechungen und Pseudotätigkeiten könnte das, was gemeinhin Arbeit genannt wird, also vermutlich in einer halben Stunde täglich erledigt werden.

Der Zustand, in dem es einem gelingt, tatsächlich einer Sache nachzugehen, wurde von einem Herren namens Czikszentmihalyi in Büchern mit bedenklichen Covern (eine pink-violette Mischung aus Yoga und Scientology) als Flow beschrieben. Aber weil so seriöse Menschen wie Kahneman und Reckwitz ihn zitieren ohne rot zu werden, ist es vermutlich nicht so suspekt wie es aussieht. Flow macht Spaß und er ist selten genug, dass sein Erleben gewisse Glückszustände hervorruft. Die psychologische Forschung nennt als Beispiele vorzugsweise höhere Schöpfungstaten wie Wissenschaftler bei ihrer Forschung, Künstler beim Schaffen, aber auch Handwerksarbeit, Unkraut jäten, Sex, Skat…

Das beschreibt nur den angenehmen Teil der Möglichkeiten. Nahtloser Übergang in extremere Formen des Empfindens, der Sucht, der Selbstzerstörung: gedenken wir dem Koreaner, der nach 50 Stunden Computerspiel am Rechner verstarb, weil er vergaß zu trinken. Das war Aufmerksamkeit pur. Positiv formuliert: Das Individuum hat es in der Hand, vom Objekt seiner Umwelt, deren Einflüssen es schutzlos ausgeliefert ist, zum Subjekt zu werden, das die Herrschaft darüber erlangt, welche davon es an sich heranlässt. Kraft der eigenen Aufmerksamkeitslenkung. Realität ist ungefiltert nur ein Haufen Müll, aus dem wir uns jedes mal wieder herauswühlen müssen, wenn unsere Aufmerksamkeit aus der Bahn fliegt.

Dass also bewusst Situationen gesucht werden, in denen man sich das alles vom Leib halten kann, sollte nicht erstaunen. “Ich habe immer versucht, in einem Turm aus Elfenbein zu leben” schrieb Flaubert in einem Brief an Turgenjew, “aber gegen seine Mauern schwappt ein Meer aus Scheisse.” Diverse historische Avantgarden traten mit dem Programm an, den Unterschied zwischen Kunst und Leben einebnen zu wollen. Wie verwerflich! Niemand steht vorm Club Schlange, um drinnen keinen Unterschied zu draussen festzustellen. Das ergibt überhaupt nur Sinn über die fixe Idee der Entfremdung – dass also der Mensch als schöpferisches Individuum in die Welt kommt und dann verkümmert. Wir wissen neuerdings, dass der Mensch sein unfertiges, sabberndes Gehirn überhaupt erst durch Außeneinflüsse in eine auch für ihn selbst akzeptable Form bringt. Die Umsetzung der Utopie, die mitgelieferten Alltagszwänge je loszuwerden, erleben wir nicht mehr. Also: Dämme verstärken.

Der Club ist so ein Ort, wo die Musik laut genug ist, dass wir unserer inneren, to-do-Listen vorlesenden Stimme nicht zuhören müssen. Bass bei 105 dB hat etwas von Selbstreinigung. Die Abwesenheit von Spiegeln und das Fotoverbot im Berghain gehören auch hierher. Was in ungelenken Beschreibungen als Auflösung des Ichs, Kontrollverlust, Aufgehen im Kollektiven usw. beschrieben wird, erscheint nun viel eher als das exakte Gegenteil: die “Konzentration des Ichs als emanzipatorische Befreiung vom Präsenzdiktat der Umwelt.” Dass man dabei gerne mit anderen zusammen ist, überrascht auch nicht weiter.