the berghain column – january 2018

berghain dec 2017
Want / Have

Is this all there is? E. had made it. At his first attempt he endured two hours of cueing in the rain, only to be send away with a casual gesture. Before his second he had examined peak hour patterns and waited for a moment in which not more than ten people were loitering in front of the door. No luck again. That’s when I’d have given up. Not so E. whose curiosity was now matched by ambition. For a third attempt he decided to be systematic. He’d go twice, early (that is, around midnight) and late (in the morning) with enough time passing in between both so he’d meet different personnel at the door. In the meantime he’d go to another club. If he got rejected twice he could just go back and re-enter without paying again and just party on there. He was pleasantly surprised by getting in at once.

For the first few minutes he experienced some mild paranoia, expecting somebody to stop him in the cloakroom: didn’t we see you three times in front of the door? After making a tour of the place and with a first drink in hand he soon became calm and confident again. He heard the music and saw people dancing. After looking around for some time, he entered the dance floor. A beer from the bar. He was aware that it was silly to expect to be overcome by semi-religious epiphanies. What could possibly happen unless he initiated it himself? He knew nobody in here, and he never found it easy to chat up strangers anyway. It was also way too loud for that. It was not that he was bored, but his experience level had settled in some upper midrange – certainly not where he expected it to be. This made him ponder: why would it be like this?

There is a wide range of things, relations and experiences which appear to pale once we embrace them. An ice cream paradox: the cone always looks best just before we hold it in our hands. Minutes later our fingers feel sticky and we’ve spilled some on our shirt. Or think of pizza. Once we get to the last slice it has turned cold and the cheese has turned chewy. Not much time passes between these states. If we have days, weeks or months to settle into our experiences, things wear off noticeably.

The spoils of a shopping trip won’t keep us happy for more than a few days of ownership. If fifteen years ago we were blown away to receive feedback from our favourite DJs for our own tracks, we only may notice once they don’t send some friendly words. Where we dreamt of being yesterday becomes today’s reference point. The first record of a newly discovered favourite artist means much more to us than the tenth – or fiftieth. The eighth beer on a thirsty night out isn’t as appreciated as the first. Communist regimes used to force student brigades to work as harvest hands (today we have people from poorer neighbouring countries doing that). Nobody bothered hindering the kids from eating as much strawberries as they could – after a kilo of that pretty much everybody is done. Economics formed the law of diminishing marginal utility to describe such effects.

Put the other way around: what we don’t have already seems more desirable than what we do have. If abundance tends to kill our enthusiasm, lack fuels our desires. Once we’re set we embrace the new state as the status quo, the reference point from which our eyes immediately turn to new horizons. Free Wifi on board of an airplane: as it is interrupted briefly my neighbour rolls his eyes in annoyance. We are capable of expecting something as a standard whose existence was completely unknown to us just two minutes ago. You can see citizens of first world countries writing stuff like “Things can’t possibly go on like this” in their Facebook comment fields when discussing current politics – at a standard of living that doesn’t refer them to the municipal garbage bins for sustenance, nor has them scavenge plywood at the city limits to keep their comfy homes warm and cosy. Musicians that do fancy shows at arts institutions wish for more gigs in smoke-infested techno clubs. Techno DJs with 80+ club shows per year (and artsy ambitions) dream of the relaxed workflow of commissioned works. The world keeps turning and we wait for the sun to come back around. Once it’s up in full glory we long for the night.

Haben und Wollen

War das etwa schon alles? E. hatte es geschafft. Beim ersten Versuch stand er zwei Stunden im Nieselregen, um mit einem lässigen Wink weggeschickt zu werden. Beim zweiten hatte er sich taktisch mit den Stoßzeiten befasst und einen Augenblick abgepasst, zu dem nur zehn Gestalten vor der Tür herumlungerten. Wieder nichts. Ich hätte da schon aufgegeben. Nicht E., dessen Ehrgeiz sich nun zu seiner wachsenden Neugierde gesellte. Beim dritten Mal beschloss er, systematisch vorzugehen. Einmal früh (Mitternacht) und einmal spät (morgens), nach gebührendem Zeitabstand. So würde ein Schichtwechsel beim Türpersonal ihm sozusagen zwei Lose für dieselbe Nacht geben. Zwischendurch plante er, einen anderen Club aufzusuchen. Sollte nichts gehen, könnte er wieder in diesen zurück, dank Stempel ohne erneut Eintritt zu zahlen, und den Rest der Nacht eben dort abfeiern. Hinein kam er auf Anhieb.

Die ersten zehn Minuten plagte ihn ungewohnte Paranoia, dass ihm jemand im Eingangs- und Garderobenbereich noch die Hand auf die Schulter legen könnte: warst du nicht schon drei mal vor der Tür? Nach einem Rundgang und mit dem ersten Getränk in der Hand fand er eine gewisse Ruhe und Selbstsicherheit wieder. Er hörte die Musik und sah die Leute tanzen. Hierhin, dahin, dann selbst auf den Floor. Ein Bier an der Bar. Ihm war klar, dass es ab diesem Zeitpunkt töricht war, quasi-religiöse Erweckungserlebnisse zu erwarten, die ihn überkommen würden. Was sollte schon von sich aus passieren, wenn er es nicht selbst herbeiführen würde? Niemanden kannte er hier, und es fiel ihm ohnehin nie leicht, mit wildfremden Menschen Gespräche anzuknüpfen. Dafür war es außerdem viel zu laut. Ihm wurde nicht direkt langweilig, aber sein Erleben pendelte sich in einen oberen Mittenbereich ein, der nicht dem entsprach, den er für sich vorgesehen hatte. Das stimmte ihn nachdenklich. Warum war das so?

Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, Beziehungen und Erlebnissen, die eigenartig verblassen oder zurückfallen, sobald wir uns ihnen zuwenden. Ein Eiscreme-Paradox: die Tüte Eis sieht immer am besten aus kurz bevor wir sie in die Hand kriegen. Gegen Ende der Waffel sind unsere Finger klebrig und wir haben uns das Hemd bekleckert. Oder Pizza: bis wir beim letzten Stück angelangt sind, ist die Pizza kalt und der Käse hat eine eigenartig gummiartige Konsistenz angenommen. Zwischen diesen Zuständen vergeht jeweils wenig Zeit, so dass die nachteilige Veränderung kaum wahrgenommen wird. Bei einer Gewöhnung über Tage, Wochen, oder Monate sieht es ganz anders aus.

Ein Kauf, für den man lang gespart hat, macht schon nach wenigen Tagen Gebrauch nicht mehr besonders glücklich. War es vor fünfzehn Jahren das Höchste, Feedback von Lieblings-DJs für die eigenen Tracks zu bekommen, fällt es höchstens negativ auf, wenn sie mal nicht zurückschreiben. Was gestern heiß ersehnt war, ist heute die neue Normalität. Die erste Platte eines neu entdeckten Lieblingskünstlers wirkt vollkommen anders als die zehnte – oder gar die fünfzigste. Das achte Bier an einem durstigen Abend ist nicht wie das erste. Als im Kommunismus Erntebrigaden zwangsrekrutierter Schüler das erledigten, was heute unterbezahlte Erntehelfer aus armen Nachbarstaaten erledigen, ließ man sie ruhig erstmal über die Erdbeeren herfallen. Nach einem Kilo davon will eigentlich niemand mehr. Die Ökonomie hat hierzu das Gossensche Gesetz, das des abnehmenden Grenznutzens, formuliert.

Aber auch sonst: Was wir noch nicht haben, erscheint uns viel attraktiver als das, was wir schon besitzen. Diese Einschätzung kehrt sich nicht selten um, sobald der ersehnte Zustand eintritt. Was wir schon haben wird sofort die neue Referenz und unsere Augen richten sich wieder auf den Horizont. Kostenfreies WLAN im Flieger: als es kurz aussetzt, beginnt mein Sitznachbar still vor sich hinzufluchen. Innerhalb von zwei Minuten wird etwas erwartet, von dessen Existenz er kurz davor noch nichts wusste. „So kann es nicht weitergehen“, schreiben Leute in Kommentaren zur Politik – bei einem Lebensstandard, der sie für ihre Nahrungssuche weder auf die städtischen Mülltonnen verweist, noch zur Beheizung ihrer komfortablen Behausung Sperrholz am Stadtrand sammeln lässt. Musiker, die viel im Kunstkontext machen, sehnen sich nach Auftritten in verrauchten Technoclubs. Techno-DJs mit 80 Auftritten im Jahr und Kunstambitionen träumen von der bedächtig-sorgfältigen Arbeitswelt institutioneller Kompositionsaufträge. Die Welt dreht sich weiter und wir warten auf die Sonne. Ist es hell, sehnen wir uns nach der Nacht.

laurent